Hamburg liebt das Understatement – Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine davon ist das Neubaugebiet in der Stadtmitte direkt am Hamburger Hafen. Für das Areal, das seit einiger Zeit den Rang von Europas größter Baustelle für sich beanspruchen kann, gilt nämlich: klotzen, nicht kleckern. Immerhin kommt hier eine riesige Fläche von rund 157 Hektar zusammen, rund hundertmal größer als die ehemalige Superbaustelle Potsdamer Platz in Berlin. Kein Pappenstiel, denn hier geht es um eine anspruchsvolle Bebauung. Und natürlich will die Hansestadt in der Premium-Lage direkt an der Elbe nicht mit einem belanglosen Konterfei glänzen. So steht denn eine illustre Reihe allseits bekannter Stararchitekten für ein Konglomerat höchst spektakulärer Bauten, die auf dem Gebiet Hamburgs ältester Hafenanlagen entstehen sollen.
Der Prozess an sich ist typisch für moderne Städte: Industrielle Nutzflächen, mitten in der Stadt gelegen, werden frei – und bieten eine Spielwiese für Städteplaner und Investoren. Ob das Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks am Güterbahnhof Köln Gereon, das zum Medien Park umgebaut wurde, der Medienhafen in den aufgegebenen Teilen des Düsseldorfer Rheinhafens, der Duisburger Hafen oder künftig die Fläche der Gleisanlagen des Stuttgarter Hauptbahnhofs – in vielen deutschen Großstädten wurden oder werden im Zentrum plötzlich große Flächen frei.
Die HafenCity – seit März 2008 nach einer bereits ein Jahr zuvor festgelegten Grenzziehung eigenständiger Stadtteil – ist mit etwa zehn bis fünfzehn Gehminuten zum Hamburger Hauptbahnhof eindeutig der Innenstadt zuzurechnen und wird deren Fläche um rund 40 Prozent vergrößern. Bis zu zwei Mio. Quadratmeter Geschoss-Fläche sollen gebaut werden;
5.500 Wohnungen für 12.000 Einwohner und Büroflächen für mehr als 40.000 Arbeitnehmer entstehen, außerdem sollen Gastronomie, Einzelhandelsflächen, Einrichtungen für Kultur- und Freizeit, Parks und Promenaden vertreten sein.
Wo Störtebecker geköpft wurde
Doch wie konnte ein derart umfassendes Areal so lange brach liegen? Verständlich wird das erst beim Blick zurück in die Geschichte. Der Bereich der HafenCity war in früheren Jahrhunderten durch die Stadtbefestigung geteilt. Wo heute die Speicherstadt steht, lagen noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Wohngebiete Kehrwieder und Wandrahmviertel. Sie waren durch die Stadtmauer von sumpfigen Wiesen getrennt, die sich zur Elbe hin erstreckten.
Dort siedelten sich im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts Schiffbauer und Hafengewerke an. Als dann im 19. Jahrhundert die Kapazitäten des Hafens an der Alstermündung und im Niederhafen nicht mehr ausreichten, wurden nach dem Abbruch der Stadtbefestigung die Flächen des Grasbrooks als Hafenerweiterungsgebiet vereinnahmt. 1868 entstand der Sandtorhafen als erstes künstliches Hafenbecken, 1881 kam der Grasbrookhafen hinzu.
Die bereits bewohnten Viertel Kehrwieder und Wandrahm mussten ab 1883 der Speicherstadt weichen und wurden dem Freihafen zugeschlagen. Dabei verloren rund 20.000 Menschen in kurzer Zeit ihre Bleibe und waren gezwungen, sich in anderen Stadtteilen Hamburgs anzusiedeln.
Neben ihrer eigentlichen Hafen-Funktion dienten die Flächen früh auch als Standorte für diverse Produktionsbetriebe wie zum Beispiel die Harburger Gummi-Kamm Compagnie, deren ab 1836 entstandenen Gebäude immer noch stehen oder auch für das Hamburger Gaswerk. Dieser Trend setzte sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts um so deutlicher fort, als die zunehmende Bedeutung des Container-Transports immer mehr Kapazitäten zum Containerterminal abwandern ließ.
Ende des Freihafen-Status
Bereits früh war den führenden Hamburger Köpfen klar, dass hier Ressourcen für die Stadtentwicklung brach lagen. In einer denkwürdigen Rede stellte der damalige Hamburger Oberbürgermeister Henning Voscherau 1997 zum Jubiläum des Übersse-Clubs seine Vision für die HafenCity der Öffentlichkeit vor. Die politischen Bestrebungen des Hamburger Senats gipfelten daraufhin in einem im Jahr 2000 beschlossenen Masterplan für die HafenCity. Seit dem 1. Januar 2003 ist die Speicherstadt und damit auch das Gelände der HafenCity aus der Freihafenzone ausgegliedert.
Planungsstadium
Abgesehen von der Ausschreibung der für die Wohnnutzung vorgesehenen Grundstücke sah der Masterplan vor, dass sich Unternehmen, die sich in der HafenCity niederlassen wollten, selbst bewerben. Für sie wurde das das Anhandgabeverfahren von Bebauungsflächen entwickelt. Danach erhielt jeder Investor sein Grundstück zunächst exklusiv zugewiesen, um ihm so die Möglichkeit zu geben, einen Architekturwettbewerb durchzuführen, Bodenuntersuchungen in Auftrag zu geben, grundstücksbedingte Mehrkosten zu ermitteln und die Baugenehmigung vorzubereiten. Unter Berücksichtigung der spezifischen Grundstücksbedingungen und der individuellen Bedingungen des Baukonzepts konnten anschließend Bauherr und die HafenCity GmbH den Kaufvertrag selbstständig aushandeln.
Das Gesamtareal
Das Gebiet erstreckt sich vom 1966-69 neu gebauten Kaispeicher A an der Spitze des wie eine Landzunge in die Elbe ragenden Dalmannkais ganz im Westen bis zur geplanten Umbauung des Lohseparks auf dem Grasbrook ganz im Osten und wird hier letztlich von den Elbbrücken begrenzt. Neben der dominierenden Büro- und Wohnbebauung finden sich hier künftig eine Grundschule, zwei Parks, ein Museumshafen, die Greenpeace-Zentrale und das Designzentrum designport. Außerdem ist eine neue U-Bahnlinie im Bau, die das Gebiet für den öffentlichen Nahverkehr erschließen soll.
Unter den geplanten Bauten sind etliche spektakuläre Highlights, wie der „Spiegel“-Neubau oder die mit viel Vorschusslorbeeren bedachte gigantische Elbphilharmonie im Westen. Am südlichen Rand wird der Neubau der Unilever-Zentrale die Silhouette des Stadtteils prägen. Angedacht sind darüber hinaus noch zwei weitere Renommier-Bauten: Die Hafen-City-Universität und das Science-Center.
Sandtorkai und Dalmannkai
Begonnen hat der Bau der HafenCity an dem unmittelbar an die westliche Speicherstadt angrenzenden Teilquartier Sandtorkai – nach Hamburgs ältestem Hafenbecken, dem Sandtorhafen, benannt. Auf einem gemeinsamen, hochwassersicheren Sockel errichtet, kragen dort fünf Neubauten bis über das Wasser aus. Direkt davor liegt der Museumshafen, für den eigens schwimmende Pontons angefertigt wurden, um Passanten die Möglichkeit zu geben, die Exponate aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen.
Das zweite, mittlerweile ebenfalls fast fertiggestellte Teilquartier ist die sich elbwärts anschließende Landzunge des Dalmannkais. 2007 bezugsfertig geworden, sind dort schon viele Mieter eingezogen. Besonderheit hier: Auch die für Hamburg typischen Wohngenossenschaften haben hier mehrere Gebäude realisiert.
Elbphilharmonie
Die Spitze des Dalmannkais markiert der alte Kaispeicher A aus den Jahren 1963 bis 1966, hinter dessen denkmalgeschützter Fassade derzeit das ambitionierteste Einzelprojekt der Hafen-City, die heftig umstrittene Elb-Philharmonie entsteht. Der vom Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfene gläserne Aufbau soll dereinst zwei Konzertsäle, ein Fünf-Sterne-Hotel und 47 Wohnungen beherbergen, während sich in dem darunter liegenden entkernten Kaispeicher in erster Linie ein riesiges Parkhaus sowie Service-Flächen und Probe-Räume befinden. Der mit geschätzten weit über 300 Millionen Euro wohl kostspieligste Bau des Stadtteils soll das neue Wahrzeichen Hamburgs werden und ab dem Jahr 2012 in den Spielbetrieb der Konzerthäuser der Stadt integriert werden.
Ebenso wie diese derzeit noch in vollem Gange sind die Bauarbeiten um den Sandtorpark, der den Dalmannkai sowie den direkt an
der Elbe gelegenen Strandkai mit dem Sandtorkai verbindet.
Rund um den geplanten Park, dessen Areal noch bis 2012 als Baustellenfläche genutzt wird, gruppieren sich zum Beispiel die
Katharinenschule mit einem Ganztageshort und dem Schulhof auf dem Dach oder das Amerikazentrum.
Strandkai
Weit vorangeschritten sind auch die Arbeiten am Strandkai. Er erstreckt sich in voller Länge entlang der Elbe und prägt daher von der Wasserseite her das Gesicht des neuen Stadtteils. Kein Wunder also, dass dieses Teilquartier höchsten Erwartungen unterliegt. Zwei äußerst markante Punkte sind mit dem Unilever-Gebäude und dem Marco Polo Tower jedenfalls gesetzt. Das Ensemble glänzt nicht nur mit ansprechender Architektur, sondern auch mit Ressourcen-schonender Haustechnik.
Die Unilever Deutschland-Zentrale etwa bekommt eine zweischichtige Fassade: Vor die eigentliche Klimahülle, eine Isolierverglasung mit hoch gedämmten geschlossenen Brüstungsbereichen, wird eine transparente Folie gespannt, die die darunter liegenden Sonnenschutzlamellen vor Windeinflüssen schützt.
Der benachbarte Marco Polo Tower ragt bereits jetzt wie eine Skulptur sechzig Meter in die Höhe und ist auf seinen sechzehn zueinander verdrehten Geschossen besonders hochwertigen Luxusappartements vorbehalten.
Gleich daneben findet sich einer der ersten Bauten der neuen HafenCity überhaupt: der 2004 aufgestellte View Point, ein knallorange
angestrichener Aussichtsturm, der es neugierigen Hamburgern ermöglichen sollte, sich einen Überblick über die größte Baustelle Europas zu verschaffen.
Überseequartier
Den dicksten Einzelposten der neuen HafenCity bildet das Überseequartier, das für rund 1 Milliarde Euro den Besitzer wechselte. Abweichend von den festgelegten Vergaberichtlinien wurde das acht Hektar große Areal einem einzigen Entwickler übergeben, einem niederländisch-deutschen Konsortium, das für den Bereich, der später das Zentrum des Stadtteils bilden wird, von international renommierten Architekten, unter ihnen Rem Koolhaas und Erick van Egeraat, ein städtebauliches Gesamtkonzept für das Gebiet entwickeln ließ. Grund für den Sonderstatus: Hotels, Wohnungen, Büros und Geschäfte sind gleichmäßig über das Überseequartier verteilt.
Höhepunkte an der Wasserkante dieses Stadtteils sollen das Science-Center und das neue Kreuzfahrt-Terminal mit angeschlossenem Luxus-Hotel werden.
Deren Realisierung steht indes noch in weiter Ferne. Nicht allein, weil hier zunächst der Abschluss der Arbeiten an der neuen U-Bahn-Linie abzuwarten ist, sondern auch, weil noch kein Investor oder Betreiber für den Komplex in Sicht ist.
Brooktorkai
Anders als viele anspruchsvolle Projekte im Süden des Überseequartiers sind am nördlichen Ende der HafenCity die Würfel bereits gefallen. Unmittelbar vis-a-vis zur alten Speicherstadt entstehen auf den bis vor kurzem brachliegenden Flächen des Brooktorkais derzeit mehrere große Bürogebäude; der östlichste Zipfel der Insel, die so genannte Ericusspitze, sieht zudem der Fertigstellung des prestigeträchtigen Neubaus des „Spiegel-Verlages“ entgegen. Wie nahezu alle Neubauten der Hafencity wird der „Spiegel“-Bau anspruchsvollen Niedrig-Energie-Standards gerecht und wird sich durch eine Vielzahl öffentlich zugänglicher Bereiche auszeichnen.
Südlich des „Spiegel”-Neubaus, auf dem Grasbrook, verlieren sich die Planungen dann weitestgehend ins Ungewisse. Lediglich der Kaispeicher B am nord-westlichen Rand dieses Teilquartiers, mit seinem Entstehungsdatum 1879 das älteste Gebäude der HafenCity überhaupt, ist komplett modernisiert. Er beherbergt seit 2005 das Internationale Schifffahrtsmuseum von Peter Tamm. Nur einen Steinwurf weiter.
Autor: Peter Leuten
Fotos: HafenCity Hamburg GmbH, Wikipedia, Robert Vogel GmbH



